Schulbegleitung: ein Lernprozess

Dieser Bericht wurde erstellt von Sarah-Marie G. für die Ausgabe >INFO 33< – einer jährlichen Informationsbroschüre der Interessengemeinschaft Kleine Heime & Jugendhilfeprojekte Schleswig-Holstein e.V., Schleswig – für Landesjugendämter, Jugendämter, Entsendestellen, Allgemeine Soziale Dienste….

Die IKH-SH e.V. ist ein gemeinnütziger Jugendhilfeverband in dem sich Kinderheime und Jugendhilfeprojekte mit Sitz in Schleswig-Holstein zusammengeschlossen haben, mit dem Ziel innovative als auch kreative Hilfen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene anzubieten.

Sarah-Marie G. war in der Einsatzstelle >Kinderhaus Bremholm< – im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes – 18 Monate beschäftigt.

Schulbegleitung – ein Lernprozess…

Seit Ende der Sommerferien arbeite ich – zur Orientierung für mein Studium – im Rahmen des Bundesfreiwil- ligendienst in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Bremholm. Zunächst wurde ich dort mit der Hausauf- gabenbetreuung der Grundschulkinder als auch mit unterstützenden Projektarbeiten rund um den täglichen Ablauf betraut

Nach meinem Abitur im Sommer, hätte ich es nicht für möglich gehalten, wenige Wochen danach wieder eine Schule besuchen zu dürfen. Durch den Ausfall einer bestehenden Schulbegleitung bekam ich das Angebot diese Aufgabe zu übernehmen. Das junge Mädchen im Alter von 8 Jahren, das mir von nun an jeden Morgen anvertraut wurde, habe ich im Vorfeld bereits als sehr intelligent als auch stark dessozialisiert kennengelernt. Während dieses Mädchen nun Bekanntschaft mit dem Lesen und Schreiben, der Mathematik und dem sozialem Umgang innerhalb einer Gemeinschaft machte, erlebte ich den Schulbesuch aus einer anderen Perspektive und lernte eine für mich bis dahin ungekannte Schulform kennen.
Ich erfasste in der Zeit, in der ich von zu weilen singenden und hüpfenden Kindern umgeben war, die Bedeutung der Balance zwischen Konsequenz, Präsenz und einem liebevollen Umgang mit Kindern. Ich musste Sensibilität und Empathie für die augenblickliche Situation des Kindes entwickeln als auch Konfliktsituationen erkennen und diese nachhaltig mit dem Mädchen lösen, da es ansonsten des Öfteren zu Stimmungsumbrüchen kam, die für mich zunächst nicht erklärbar waren.

Erst durch die Vermittlung von fallbezogenen Wirkungsweisen traumatisierter und im Bezugssystem beeinträchtigter Kinder – durch die Leitung der Einrichtung als auch im Rahmen von Fallsupervisonen – erkannte ich nach und nach was sich in diesem kleinen Mädchen abspielte, wieso es bestimmte Handlungsmuster ausführte und weshalb die Umgehung von Regeln – für diese besonderen Kinder – ein gelernter und bewährter und früher bisweilen „überlebenswichtiger“ Lösungsweg war.

Daher war die Ablehnung und Resignation des Kindes in bestimmten Situationen nicht mehr verwunderlich und im Gegenteil eine früher notwendige Fähigkeit. Ich musste vor dem Hintergrund der Biographie, verstehen lernen, wie wichtig es für diese Kinder ist, Anerkennung, Zuwendung und Zugehörigkeitsgefühl für etwas zu bekommen, was im Gegensatz zu den – in sozial stabilen Verhältnissen aufgewachsenen Kindern – nicht oder nur eingeschränkt vorhanden ist.

Täglich waren Lernprozesse nachzuholen, die in der kindlichen bzw. frühkindlichen Entwicklungsphase einfach übersprungen waren. Somit entwickelte sich das Zusammenspiel zwischen mir und dem Kind, dass ich jeden Morgen in die Schule und im Unterricht begleitete, mit jedem Tag ein wenig mehr und ich bin mir sicher wir werden noch einiges voneinander lernen können.

Sarah-Marie G.

Anmerkung: Heute ist das Mädchen in der 4. Klasse. Eine Schulbegleitung ist nicht mehr erforderlich.

Seit der 3. Klasse wurde Schulbegleitung sukzessive reduziert. Eine abschließende Schulwegbegleitung wurde nach kurzer Zeit ebenfalls eingestellt. Die Schule als auch weite Teile des Unterrichts machen dem Mädchen Spaß und – bis auf wenige Ausnahmen – findet ein nahezu reibungsloser Schulalltag statt.

Das Mädchen hat offenbar eine neue Form der Selbstwirksamkeit durch die Beschulung erreichen können.